Grundsätzlich kann man unterscheiden zwischen Fachberatung und systemischer Beratung. Bei einer Fachberatung steht der fachliche Inhalt im Vordergrund; ein Beispiel dafür wäre, wenn ein Unternehmen durch eine Beraterin Schulungen für eine neue Computersoftware durchführen lässt. Das bedeutet, dass die Beraterin neues Fachwissen ins Unternehmen trägt. Systemischer Beratung liegt der sogenannte Systemansatz zugrunde, wo man davon ausgeht, dass das Unternehmen (oder jedes andere System auch: also einzelne Personen, Organisationen, Netzwerke, etc.) die Lösung für sein Problem selbst kennt, es scheint nur im Augenblick nicht fähig zu sein, auf das notwendige Wissen zuzugreifen. Hier kommt der systemische Berater ins Spiel: er hilft dem Unternehmen dabei, seine eigene Lösung zu finden.
Ein Werkzeug, welches eine systemische Beraterin in ihrer Arbeit anwenden kann, sind Aufstellungen. Dabei gibt es viele unterschiedliche Arten von Aufstellungen, eine Aufstellungsart ist die Tetralemma-Aufstellung. Diese kann zum Beispiel dann sinnvoll sein, wenn ein Unternehmen zwei verschiedene Lösungsmöglichkeiten erarbeitet hat, aber nicht weiß, für welche es sich entscheiden soll. Dann kann der Berater im Rahmen einer Aufstellung „Lösungsmöglichkeit A“ und „Lösungsmöglichkeit B“ aufstellen, um damit zu arbeiten. Bei der Tetralemma-Aufstellung werden zusätzlich noch folgende weitere Elemente aufgestellt: „Sowohl A als auch B“; „weder A noch B“; „das fünfte Element“. Das fünfte Element steht hier für etwas, was etwas völlig anderes ist, als die Dimension, in der das Unternehmen aktuell denkt. Zur Verdeutlichung ist hier ein Beispiel.
Ein Unternehmen steckt in Schwierigkeiten, und hat zur Behebung der misslichen Lage ein paar Optionen erarbeitet, unter anderem die Einführung einer neuen Produktlinie, die neue Kundinnen und Kunden ansprechen soll. Eine weitere Option war, die Abläufe in der Produktion effizienter zu gestalten. Um das Beispiel nicht zu überfrachten, bleibe ich hier bei zwei Lösungsmöglichkeiten. Man kann in einer Aufstellung natürlich auch mit mehr als zwei Optionen arbeiten, aber erstens ist es am effektivsten, die Situation auf das Wesentliche zu reduzieren, und zweitens hat ein Unternehmen in so einer Situation zwar oft sehr viele Ideen, wobei aber immer nur sehr wenige der Optionen überhaupt realistisch in Frage kommen. In diesem Beispiel gehe ich also von zwei Lösungsmöglichkeiten aus.
Das Unternehmen hat die notwendige Fachberatung bereits in Anspruch genommen. Indem es sich beispielsweise beraten hat lassen, welche Optionen es für Ausgestaltung der Produktion gibt, welche neuen Maschinen es gibt und so weiter. Es hat vielleicht auch eine Marktanalyse durchführen lassen, und die ein oder andere Marktlücke entdeckt. Das heißt, die Fachberatung das Ihre bereits getan. Deshalb entscheidet das Unternehmen nun, dass es Unterstützung bei der weiteren Entscheidungsfindung bei einem systemischen Berater sucht.
Es kommt zu einem Gespräch, insbesondere für die Auftragsklärung, also worum es genau geht. Aus diesem Gespräch ergibt sich, dass eine Tetralemma-Aufstellung an diesem Punkt sinnvoll ist. Die ganze Situation wird also im Format der Tetralemma-Aufstellung aufgestellt. Es zeigt sich sehr schnell, dass es das fünfte Element ist, welches im Mittelpunkt für eine wirkliche Lösung der Situation steht. Dies bedeutet, dass das Unternehmen natürlich sämtliche Optionen, die es erarbeitet hat, umsetzen kann, und dass dies wahrscheinlich auch Erfolge erzielen kann. Aber eine wirkliche Veränderung in Bezug auf das Anliegen des Unternehmens, also worum es in dieser Situation im Grunde geht, verläuft vorwiegend über das fünfte Element.
Die Frage, die sich an dieser Stelle stellt, ist, was der Berater nun mit dieser Information machen kann, und was denn nun dieses fünfte Element eigentlich ist? Eine Tetralemma-Aufstellung ist ja nur eines von vielen möglichen Werkzeuge im Repertoire der systemischen Beratung. Der Berater entscheidet also nun gemeinsam mit dem Unternehmen, welches nun die nächsten Schritte sind, und welche weiteren systemischen Werkzeuge zum Einsatz kommen sollen.
Nehmen wir also an, die Arbeit verläuft erfolgreich, und es stellt sich dabei heraus, worum es denn eigentlich wirklich bei den Schwierigkeiten des Unternehmens geht, und wofür das fünfte Element in diesem Fall tatsächlich steht. Das können ganz unterschiedliche Dinge sein. Es könnte zum Beispiel sein, dass die gesamte Firmenphilosophie nicht mehr tragfähig ist. Es könnte sein, dass die Geschäftsführerin oder der Geschäftsführer nicht mehr hinter der Firmenphilosophie steht und bereits ihre eigenen, völlig neuen Visionen hat. Wenn ein Problem besteht, welches derart grundlegende Elemente eines Unternehmens berührt, und es nicht behoben wird, ist normalerweise mit starken Verwerfungen zu rechnen, weshalb diese Herausforderungen Priorität vor allen anderen haben sollten. Oder anders ausgedrückt: wenn das Warum nicht klar ist, hat es keinen Sinn, sich über das Was und das Wie Gedanken zu machen.
Gerade, wenn es bei sehr grundlegenden Elementen in einem Unternehmen nicht mehr passt, ist die Beratung und Unterstützung durch eine sehr kompetente externe systemische Beraterin oder Berater sehr sinnvoll. Generell besteht der Wert der Arbeit eines externeren Beraters besonders darin, dass er durch seine Sicht von außen, die noch nicht durch die Routine der täglichen Arbeit im Unternehmen verstellt ist, Dinge und Zusammenhänge sehen kann, für die die Im-Unternehmen-Arbeitenden quasi blind sind. Wenn ein Unternehmen ein Anliegen hat, welches sehr grundlegende Elemente des Unternehmens betrifft, wie beispielsweise die Vision der Geschäftsführerin oder die Firmenphilosophie, dann ist es von großer Bedeutung, dass es besonderes Augenmerk darauf legt, dass es sich eine Beraterin oder einen Berater auswählt, die/der besonders umfassende Erfahrung und Kompetenz mit sich bringt, weil hier eine besonders umsichtige Herangehensweise erforderlich ist. Also kurz gesagt: wenn sich das fünfte Element meldet, dann ist eine Beratung durch eine kompetente systemische Beraterin oder Berater sehr sinnvoll.
